Beispiel Kapitel

Textprobe: September 2026
Für Erik Pfannemöller war ein prägender Moment seine verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking.
Zwei Minuten dreißig

Die zwei Minuten und dreißig Sekunden, in denen ich dachte, ich fahre zu Olympia, haben mir eine wichtige Erkenntnis gelehrt.

Ich höre mich selbst schreien, lauter, als ich es in meinem ganzen Leben als Sportler je getan habe. Mein rechter Arm geht hoch, das Paddel halte ich in der linken Hand, und für einen Moment ist da nur dieser Schrei, das Wasser, das an mir vorbeirauscht, und die Ziellinie, die ich gerade passiert habe. Dann hole ich Luft und drehe mich zur Anzeigetafel. Die Zahlen bestätigen, was ich auf den letzten Metern schon gespürt habe: Ich war so schnell wie in den vorherigen Läufen, habe keine Stange berührt, mir keinen Schnitzer erlaubt. Ich drehe mich um, zum Geländer der künstlichen Wildwasserstrecke. Die gesamte deutsche Kanuslalom-Szene ist da. Ich sehe auch meine Eltern und meine damalige Freundin, heute meine Frau. An ihren Gesichtern sehe ich, dass sie dasselbe denken wie ich: Es kann nichts mehr schiefgehen. Ich fahre nach Peking, zu den Olympischen Spielen.

Es ist der 4. Mai 2008. Die Wildwasserstrecke am Markkleeberger See bei Leipzig ist eine der modernsten Anlagen Europas, gerade mal ein Jahr ist sie damals in Betrieb. Die Pumpen befördern bis zu 14.000 Liter Seewasser pro Sekunde in den Kanal. Die Wettkampfstrecke ist 270 Meter lang und 8,40 Meter breit. Eine Besonderheit sind die mobilen Hindernisse, sogenannte "Obstacles". Durch sie können die Wildwasserbedingungen ständig verändert, Wellen und Walzen erzeugt und die Wucht des Wassers angepasst werden. Es ist keine einfache Strecke. Und es geht um alles.

In meiner Disziplin, dem Kajak-Einer der Herren, darf nur ein deutscher Sportler mit zu den Olympischen Spielen nach Peking. Man kann das ungerecht finden, schließlich gibt es in Deutschland besonders viele Spitzenfahrer. Alexander Grimm, Fabian Dörfler und ich sind damals unter den Top Ten der Weltrangliste. Aber so sind nunmal die Regeln. Nur einer kann mit. Wer das ist, entscheidet dieses Rennen am Markkleeberger See.

Ich bin damals erst 23 Jahre alt. Und doch ist es meine letzte Chance, meine sportliche Karriere zu einem krönenden Abschluss zu bringen. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Aufgewachsen bin ich in der DDR, in Halle an der Saale, in einem achtstöckigen Plattenbau, mit meinen Eltern und meinen zwei Brüdern. Meine gesamte Familie hat für den Kanu-Slalom gelebt. Meine Mutter war DDR-Meisterin, ihre Schwester wurde sogar Weltmeisterin. Mein Vater war Vereinsvorsitzender der Slalomkanuten beim Böllberger SV in Halle, einem der ältesten Kanuvereine in Deutschland. Von unserem Plattenbau bis zum Verein waren es nur 700 Meter. Auch meine beiden Brüder, vier und acht Jahre älter als ich, sind erfolgreiche Kanuten geworden. Der älteste Bruder fuhr für die Nationalmannschaft, der andere gewann 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen die Bronzemedaille.

Meine Chance

Ich selbst habe mit fünf Jahren schwimmen gelernt. Meine Eltern hatten Angst, ich könnte bei einem Wettkampf meiner Brüder ins Wasser fallen. Mit zehn Jahren wurde ich dann selbst erstmals Deutscher Meister, insgesamt konnte ich diesen Titel in verschiedenen Altersklassen zwölfmal gewinnen. Mit achtzehn, direkt nach dem Abitur, fuhr ich mit meinem ersten Auto, einem kleinen Mini, nach München und wurde Sportsoldat am Bundesleistungszentrum. Parallel studierte ich Betriebswirtschaft in Präsenz an der Uni Augsburg. Mein Leben bestand damals fast nur aus Training und Vorlesungen. Es war die bis dahin intensivste Zeit meines Lebens.

Sportlich war ich zwar durchtrainiert, aber auch nie der athletischste im Feld. Aber ich habe das ausgeglichen, mit meinem Kopf, indem ich meine Rennen analysiert habe, wieder und wieder, Bild für Bild. Ich habe mir angesehen, wie sich mein Boot an einer bestimmten Stelle verhält, wenn der Wasserstand oder der Winkel sich leicht verändern. Ich habe meine Fehler gnadenlos oft angeschaut. Außerdem war ich ein Wettkampftyp und in den entscheidenden Moment voll auf mein Ziel fokussiert. Das hat sich ausgezahlt. Im Einzel- und Team-Kanu habe ich mehrere EM-Gold und -Silbermedaillen gewonnen. Die Weltrangliste habe ich drei Jahre angeführt. 2007 wurde ich sogar Weltmeister im Team, zusammen mit Alexander Grimm und Fabian Dörfler. Nun, beim Qualifikationsrennen am Markkleeberger See, sind sie allerdings vor allem eines: meine Konkurrenz auf dem Weg zu Olympia in Peking.

Trotz meiner Erfolge steht schon vor dem Wochenende am Markkleeberger See fest, dass ich meine sportliche Karriere nach den Olympischen Spielen beenden werde. Ich hatte das Gefühl, im Leistungssport an der oberen Grenze angekommen zu sein. Ich kannte meine Trainingspläne, ich hatte alles optimiert und wusste, was im nächsten Jahr stattfinden würde. Es fühlte sich alles nicht mehr ganz so aufregend an. Auf eine gewisse Art und Weise fing ich an, mich zu langweilen. Zusätzlich gab es Probleme mit meinem Bundestrainer. Wenn ich Fragen zu Trainingsplänen stelle, lautet die Antwort: "Wir machen das halt so." Das konnte ich nicht einfach so akzeptieren. Ich habe mit einer Umfrage nachgewiesen, dass zwei Drittel der Nationalmannschaft sich gar nicht an die Pläne des Bundestrainers hielten. Ich habe auch versucht den Verbandschef davon zu überzeugen, den Trainer zu entlassen. Es half alles nichts. Der Trainer blieb. Mein Frust darüber auch.

Ich habe so verstanden, dass ich im System Leistungssport wenig verändern kann, dass ich kaum Einfluss habe auf die Bedingungen, unter denen ich trainiere und antrete. Außerdem hatte ich in mir diesen inneren Drang, etwas Eigenes zu machen, etwas Neues und Herausforderndes auszuprobieren.

Aus diesem Grund war in mir die Entscheidung gereift, Unternehmer zu werden, an einer Privatuniversität zu studieren – und dafür meine Sportkarriere aufzugeben. Unternehmer können die Regeln innerhalb eines gewissen Rahmens selbst gestalten und Dinge aufbauen, die es vorher noch nicht gab. Man darf eigene Ideen haben und Dinge auch hinterfragen.

All das bedeutete: Der Lauf am Markkleeberger See war nicht ein Wettkampf unter vielen. Er war meine allerletzte Chance, zu Olympia zu fahren. 2004 war ich noch zu jung und unerfahren, um mich für Athen zu qualifizieren. Nun aber stand ich am Zenit meiner Sportlerkarriere. Alles, worauf ich seit meinem zehnten Lebensjahr hingearbeitet hatte, lief an diesem einen Wochenende zusammen. Eine weitere Chance würde es nicht geben.

Eine Welt bricht zusammen

Insgesamt besteht das Qualifikationsrennen aus acht Läufen. Nach dem siebten Lauf liege ich 2,3 Sekunden vorne. Das klingt nicht nach viel, ist im Kanu-Sport aber ein komfortabler Vorsprung. Meine Taktik für den achten Lauf lautet daher: keine Experimente, einfach weiter fahren wie bisher. Ich kenne jede der 23 Tore auf dieser Strecke, die grün-weißen und rot-weißen Stangen mit den nummerierten Schildern, die Stelle im oberen Drittel, an der das Wasser am stärksten gegen das Boot drückt, die enge Passage kurz vor dem Ziel. Ich fahre konzentriert, ohne eine einzige Stange zu berühren. Rückblickend ist es einer der saubersten Läufe meiner Karriere.

Nach dem Jubel im Ziel klettere ich aus dem Boot und lege es ins Gras. Ein Kampfrichter bittet mich, es vermessen zu lassen. Stichprobenartig wird so kontrolliert, ob das Kajak den nationalen Vorschriften entspricht. In diesem Moment ist mir das aber alles egal. Ich gehe nicht sofort darauf ein und muss später 40 Euro Strafe bezahlen. Aber auch das kümmert mich nicht. Ich bin überzeugt, dass an diesem Tag mein Traum von Olympia in Erfüllung geht. Wieso auch nicht? Bis zu diesem Tag ist in meinem Sportlerleben fast immer alles gutgegangen, was ich mir ernsthaft vorgenommen habe.

Ein Fahrer aber kommt noch: Alexander Grimm, mein größter Konkurrent. Wir kennen uns gut, sind zusammen Weltmeister geworden. Zwischen uns gab es nie böses Blut. Wir trainieren und gewinnen zusammen, sind aber auch Gegner, und das ist in Ordnung. Wir sind nicht die engsten Freunde, aber wir haben uns über Jahre gegenseitig gepusht und respektiert. Das verbindet.

Ich beobachte nun von der kleinen Metallbrücke aus Alexanders Lauf. Meine Arme schmerzen vom Rennen. Neben mir stehen meine Eltern und meine Freundin. Schon nach den ersten beiden Zwischenzeiten weiß ich: Alexander ist gut unterwegs. Später erfuhr ich, was der Trainer direkt nach meinem Lauf zu Alexander gesagt hatte: „Jetzt musst Du alles auf eine Karte setzen, now or never.“ Das tut Alexander. Er fährt aggressiv an die Stangen, geht volles Risiko, und nach zwei Dritteln der Strecke denke ich: Das könnte knapp werden. Alexander fährt den Lauf seines Lebens, fehlerfrei, schnell, mit einer Linie, die ich danach nicht wieder gesehen habe. Er holt 2,7 Sekunden auf und sichert sich das Olympiaticket mit einem Vorsprung von 0,4 Sekunden.

Ein Lauf auf dieser Strecke dauert etwas mehr als anderthalb Minuten. Vier Zehntelsekunden darin sind nichts und gleichzeitig alles – ein Wimpernschlag, der ihn zum Gewinner und mich zum Verlierer macht. Die Anzeigetafel zeigt das Ergebnis in Echtzeit. Jeder am Geländer sieht es. Zweieinhalb Minuten habe ich gedacht, ich führe zu Olympia. Nun ist es vorbei. Ich bin nicht wütend auf Alexander. Ich gratuliere ihm. Aber gleichzeitig bricht in diesem Moment eine Welt für mich zusammen.

Wie kann das sein?

Schon direkt nach dem Rennen weigert sich mein Kopf zu akzeptieren, was meine Augen gerade gesehen haben. Daran ändert sich auch in den Wochen danach nichts. Ich bin ein mathematischer Mensch und habe über Jahre eine Tabelle mit den Durchschnittszeiten und Varianzen aller meiner deutschen Konkurrenten geführt und wusste, dass ich die geringste Schwankungsbreite und den höchsten Erwartungswert hatte. Nach dieser Tabelle hätte dieser eine Lauf eigentlich nicht passieren dürfen. Statistisch, würde ich sagen, passiert so etwas einmal in hundert Rennen. Und trotzdem ist es genau an jenem Wochenende passiert, auf der einzigen Strecke, die für mich noch von Bedeutung war.

Ich habe das Video von Alexanders letztem Lauf danach noch oft angeschaut, bestimmt zehn Mal, weil ich verstehen wollte, was wirklich passiert war. Aber es gab dort nichts zu entdecken. Alexander ist das Rennen seines Lebens gefahren und hat nach Regeln gewonnen, die für uns beide klar waren. Ich kann das nur akzeptieren. Aber es fällt mir schwer.

Was danach kommt, würde meine Frau heute, glaube ich, als Depression beschreiben. Ich selbst nenne es eine sehr harte Zeit. Faktisch ist meine leistungssportliche Karriere beendet, auch wenn ich die restliche Saison noch zu Ende fahre und am Jahresende sogar den Weltcup gewinne. Olympia in Peking schaue ich mir im Fernsehen an. Alexander wird dort Olympiasieger. Ich selbst habe plötzlich nichts mehr zu tun, kein Wettkampf, für den es sich zu trainieren lohnt, nur noch ein paar Rennen nebenbei. Ich sitze sehr viel vor der Nintendo, stundenlang, an Tagen, an denen ich vorher trainiert hätte. Es ist ein Loch, in dem ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, und über das ich mit niemandem wirklich spreche.

Ein neues Ziel, auf das ich hinarbeite

Was mich davor bewahrt, in diesem Loch zu versinken, ist mein Studium, das kurz nach Olympia beginnt. Ich habe nun ein neues Ziel, auf das ich zusteuern kann, noch bevor das alte endgültig verarbeitet ist. Dieses neue Ziel gibt mir Halt. Ich arbeite genauso hart und fokussiert daraufhin wie ich vorher als Sportler trainiert habe. Seit über einem Jahr hatte ich das Studium geplant, mich an der Privat-Uni beworben, alle Bewerbertestes bestanden und einen Englischkurs belegt. Wie geplant ziehe ich das Studium durch und werde Unternehmer. Ich baue ein E-Commerce-Unternehmen auf, das ich nach einigen Jahren verkaufe, gründe dann ein Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz und berate heute Unternehmen zu Unternehmenskultur. Der rote Faden ist, dass ich Neues schaffe und selbst entscheiden kann, womit ich mich beschäftige.

Rückblickend ergibt mein Weg vom Kanuslalom über das Studium bis zum Unternehmertum eine klare Linie, der ich gefolgt bin, ohne dass ich diese Linie schon von Anfang an als solche gesehen hätte. Erst im Rückblick verbinden sich die einzelnen Punkte zu diesem Weg. Zunächst steht jeder Schritt für sich und fühlt sich nicht so an, als wäre er Teil eines großen Plans, die Niederlage am Markkleeberger See am wenigsten von allen.

Heute aber glaube ich, dass mich dieses Scheitern zu einem besseren Unternehmer und einem glücklicheren Menschen gemacht hat. Weil ich an jenem Nachmittag auf der Brücke begonnen habe, etwas zu verstehen, was mein Leben verändert hat. Es ist eine Erkenntnis, die ich nicht gleich in Worte fassen konnte. Dann aber bin ich in einem Podcast auf einen Gedanken von Simon Sinek gestoßen, einem US-amerikanischen Autor und Unternehmer. Er beschreibt genau das, was ich selbst so klar nicht formulieren konnte.

Unendliche Ziele

Simon Sinek unterscheidet zwischen endlichen und unendlichen Zielen. Bei endlichen Zielen geht es darum, zu gewinnen, Erster zu werden, den Gegner zu schlagen. Entweder man schafft es oder man schafft es nicht. Danach ist es vorbei. Es gibt einen Schlusspfiff. Eine Olympiamedaille zu gewinnen, ist so ein endliches Ziel. Entweder man hat sie oder man hat sie nicht.

Bei unendlichen Zielen geht es dagegen um kontinuierliche Verbesserung. Ein Weltklasse-Kanute zu sein, Freude am Fahren durch wildes Wasser zu haben, jeden Tag ein bisschen besser zu werden, die Welt ein bisschen besser machen – das sind unendliche Ziele. An ihnen kann man nicht scheitern, weil es kein Ende gibt, an dem man gemessen wird. Es gibt keinen Schlusspfiff. Das Spiel fängt immer wieder von vorne an. Bei unendlichen Zielen geht es daher auch weniger um die Frage, was man wie schnell erreicht hat, sondern darum, ob man auf dem Weg alles gegeben hat. Wenn man das mit Ja beantworten kann, kommt der Erfolg meist von alleine.

Als Sportler war ich Weltmeister, ich habe drei Jahre die Weltrangliste angeführt, ich bin auf dem höchsten Niveau gefahren, das es in meiner Sportart gibt. Ich glaube, das sagt mehr über mich aus als eine einzelne Niederlage an einem einzigen Wochenende. Warum sollte ich mich selbst also an einem solch endlichen Ziel messen und beurteilen?

Die Demut, die in dieser Erkenntnis steckt, hat mich seitdem nie wieder verlassen. Ich kann alles richtig machen und trotzdem verlieren. Es gibt externe Kräfte, die stärker sind als man selbst. Mein Vater hat nie geraucht, war immer sportlich, und hat trotzdem Lungenkrebs bekommen (zum Glück hat er überlebt). Ich habe es auch als Unternehmer mehrfach erlebt. Bei einer Firma, die ich verkaufen wollte, hat der Käufer achtundvierzig Stunden vor dem Notartermin abgesagt. Das hatte nichts mit meiner Firma zu tun, sondern mit internen Querelen des Käufers. Es lag außerhalb meiner Macht. Jahre später habe ich eine andere Firma erfolgreich verkauft. Kurz darauf wurde bekannt, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Ein paar Wochen später wäre der Verkauf nicht mehr möglich gewesen, weil das gesamte Start-up-Ökosystem in der Folge des Krieges eingebrochen ist. Man hat nicht alles unter Kontrolle. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Man kann nur sein Bestes geben. Das gilt fürs Geschäft, im Privatleben und auch für einen Kanu-Lauf.

Die zwei Minuten und dreißig Sekunden, in denen ich dachte, ich fahre zu Olympia, haben mir diese Erkenntnis gelehrt. Dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe, dass ich sie auch meinen Kindern vermitteln kann: Nicht das Erreichen eines Ziels zählt, sondern ob du auf dem Weg dorthin alles gegeben hast.